Gääähhhnnnn…..

Gääähhhnnnn…..

November 13, 2019 0 Von Oli Stadler

Ich weiß, ich weiß, der letzte Beitrag ist schon wieder ein paar Monate her, aber jetzt kommt wirklich wieder mehr…. Aufgrund von Ereignissen im Frühjahr werde ich diesen Blog noch etwas erweitern…. (Nein – es geht nicht um Politik, Gott bewahre, aber es kommt eine weitere Tierart hinzu ☺️)

Heute möchte ich über etwas anderes sprechen. Ich bin neulich nachmittags an den Stall gekommen, das Paddock war leer, das Tor geschlossen, Makay musste also in der Box sein. Ich gehe in die Box rein, Makay liegt auf dem Boden in Seitenlage. Ich spreche ihn leise an – keine Reaktion….. ich spreche ihn in normaler Lautstärke an – immer noch keine Reaktion…..

Ich will ehrlich sein – Tierarzt hin oder her, da ist mir erst mal das Herz in die Hose gerutscht! Da denkst Du auf einmal an alles mögliche, ich erinnere mich genau an das erste, an das ich gedacht hatte: KOLIK! Dass es etwas viel nahe liegenderes, z.B. SCHLAFEN, war, kam mir da nicht in den Sinn. Bei Hunden ist das ja das normalste der Welt, bei Katzen auch, die reagieren ja manchmal noch nicht einmal selbst wenn sie wach sind 🤣

Aber beim Pferd?? Gut, ich bin ja immer noch ein mehr oder minder “frischgebackener” Pferdebesitzer, und mit Schlaf beim Pferd kannte ich mich bis dato nicht wirklich aus, irgendwie hatte ich immer nur im Kopf, dass Pferde als Fluchttiere grundsätzlich im Stehen schlafen. Nun, das ist so natürlich nicht ganz korrekt, da musste ich mich erst mal schlau machen und nachlesen, darüber werde ich weiter unten noch eine kleine Zusammenfassung schreiben und Euch einen Link zu weiteren Informationen geben.

Aber davor noch mal kurz zu diesem Erlebnis: Nach der dritten Ansprache hat Makay dann reagiert, erst mit den Ohren gespielt, dann den Kopf gehoben, mich etwas verstört angeschaut und ist dann zurück in die Brustlage gegangen, da habe ich mich zu ihm ins Heu gesetzt und dann das Selfie oben von uns beiden aufgenommen. Kurz danach ist er dann ganz aufgestanden, hat sich geschüttelt und dann war auch ich wieder beruhigt 😅

Jetzt aber eine ganz kleine Abhandlung zum Thema “Schlaf bei Pferden”. Ich habe dazu die Dissertation meiner Kollegin Maggie Kalus herangezogen. Sie hat 2014 an unserer Fakultät zu folgendem Thema promoviert:

“Schlafverhalten und Physiologie des Schlafes beim Pferd auf der Basis polysomnographischer Untersuchungen”

–> Alle nachfolgenden Infos sind direkt aus Maggies Dissertation entnommen.

Die erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema “Schlaf bei Pferden” wurde 1911 veröffentlicht (SAIKIN). Darin wurde auch erstmalig der Schlafzyklus der Pferde als “polyphasisch” bezeichnet. 1970 wurden dann durch RUCKENBUSCH auch elektrodiagnostische Verfahren eingesetzt und die Schlaf- und Wachzustände näher untersucht. Und obwohl inzwischen mehr als 100 Jahre vergangen sind, gibt es bis dato nur wenige Studien, die sich mit dem Schlafverhalten von Pferden beschäftigen.

Das Schlafen im Stehen ist beim Pferd als Fluchttier natürlich ein wichtiges Thema, und dass das möglich ist, liegt an einer anatomischen Besonderheit des Pferdes, die sogenannte “Spannsägenkonstruktion”. Dabei wird immer nur ein Hinterbein belastet, das andere Hinterbein ruht auf der Hufspitze. Diese Haltung nennt man “Schildern” und soll ein ermüdungsfreies Stehen ermöglichen.

Wenn man den Zustand rein visuell einteilen möchte, dann kann ein “Ruhen im Stehen” und ein “Ruhen im Liegen” unterschieden werden. Dabei werden das Dösen (Ruhen im Stehen, oberflächlicher Stehschlaf), das Schlummern (beim Liegen in Brustlage) und der Tiefschlaf (beim Liegen in Seitenlage) unterschieden.

Das Dösen ist durch ein weitgehend entspanntes Stehen auf beiden Vorder- und einem Hinterbein charakterisiert, die zweite Hintergliedmaße steht auf der Hufspitze (Schildern), Kopf wird auf Widerristhöhe getragen, Augen können halb offen oder auch geschlossen sein, die Unterlippe kann herabhängen.

Das Schlummern findet im Liegen in Brustlage statt, die Gliedmaße sind nahe am Körper herangezogen (schnelles Aufstehen!), es stellt einen tieferen Schlaf als beim Dösen dar.

Im Tiefschlaf dann liegen die Pferde in Seitenlage auf dem Boden, Kopf ebenfalls flach auf dem Boden. Und hier nehmen die Pferde dann keine Sinneseindrücke mehr wahr. Das war eben auch hier der Fall. Und wenn die Pferde dann dabei noch träumen (ja klar, können Pferde auch) und ggf. stöhnen, dann kann das einem fast frischgebackenen Pferdebesitzer, der sich noch nicht mit dem Schlaf bei Pferden auseinandergesetzt hat, schon komisch vorkommen 😅

Diese Schlafformen kann man zumindest optisch so differenzieren, das ist aber natürlich nur eine grobe Einteilung, wir können den Tieren ja nicht in den Kopf schauen. Dafür braucht es dann elektrodiagnostische Methoden, z.B. ein EEG respektive Polysomnographie, damit können die Hirnaktivitäten eindeutig bestimmt werden.

2008 haben dann WILLIAMS et al. Übernacht-EEGs bei Pferden ausgewertet, und haben dann in Anlehnung an RUECKENBUSCH folgende Wachsamkeitsstadien festgelegt:

  • Wachzustand
  • Schläfrigkeit (Dösen, im Stehen wie im Liegen)
  • “Slow-Wave-Sleep” (SWS, Schlummern, meist im Liegen, aber auch im Stehen möglich)
  • und dann den REM-Schlaf (Tiefschlaf, nur in Seitenlage)

Als “Schlaf im eigentlichen Sinne” sind dann der SWS- und der REM-Schlaf zu bezeichnen.

Ist also tatsächlich alles ein kleines bisschen so wie beim Menschen, und da es beim Pferd noch nicht so viel Schlafforschung gibt wird da in Zukunft sicher noch eines erforscht werden.

Ah – vielleicht noch erwähnenswert: Pferde schlafen wenig, je nach Studie im Schnitt nur knappe 3 Stunden pro Tag, davon ganz grob 2/3 SWS-Schlaf und 1/3 REM-Schlaf.

So, und wenn Euch dieses wirklich interessante Thema weiter interessiert, dann lest Euch doch am besten direkt die Dissertation von Maggie durch, wirklich toll geschrieben und hoch interessant! Hier ist der Link dazu: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/16740/1/Kalus_Magdalena.pdf

@Maggie: Danke für Deine Erlaubnis, das hier zu posten!